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Karl-Heinz Adler, Kai Schiemenz, Philip Seibel
Ausstellung: 26. Juni - 28. August 2015

Eröffnung: 26. Juni 2015, 18 - 21 Uhr

Adler trifft Schiemenz und Seibel

Der geistige Verursacher dieser Zusammenschau von drei Künstlern heißt Karl-Heinz Adler (*1927). Doch nicht er persönlich hat sie auf den Weg gebracht, sondern sein beeindruckend stringentes Werk selbst. Es wirkt zunehmend magnetisierend auf eine jüngere Generation, zu der auch Kai Schiemenz (*1966) und Philip Seibel (*1980) gehören. Die Gründe für diese Faszination sind vielfältig und haben mit dem wieder erstarkenden Interesse an konkreter Kunst und deren konzeptuellen Taktiken zu tun. Aber nicht nur: Es sind mit Sicherheit nicht allein Fragen von aktuellen Tendenzen oder von kunsthistorischer Einordnung, die der Figur Adler heute zu verdienter Wahrnehmung verhelfen. Es ist die geradezu modellhafte Konsequenz eines Künstler- bzw. Menschenlebens, das sich in drei verschiedenen Systemen entfaltet hat und das aus dieser biografischen Fülle heraus seine Unbeirrbarkeit schöpft. Es ist also auch ein Rollenmodell, von Adler so beeindruckend ausgefüllt, das auf jüngere Künstler ausstrahlt.

Dazu muss man wissen, dass während Adlers künstlerischen Reifeprozesses mannigfaltige gesellschaftliche Widerstände gegen seine Art der Kunstausübung herrschten. Gerade als sich der junge Künstler, der an der Kunsthochschule in Dresden studiert hatte, auf seine kreative Umlaufbahn begab, hob in Ostdeutschland eine flächendeckende Verteufelung von geometrischer Abstraktion, von konkreter und konstruktivistischer Kunst an, die am Feindbild des so genannten Formalismus festgemacht wurde und vielen Altersgenossen allein deshalb abschreckend erschien. Es erforderte also eine immense Widerstandskraft, den Weg gegenstandsfreier Äußerung zu gehen. Er selbst erklärt heute: „Anpassung und Kadavergehorsam sind Dinge, die ein Künstler nicht kennt. Er muss zweifeln und überprüfen." Wir können Adlers frühe Willensstärke und Resilienz etwa an den gefächerten Papierschichtungen vom Ende der 1950er Jahre ablesen – für den damaligen Kontext höchst untypisch und nachgerade unerhört. Weiterhin erscheinen – selbst aus heutiger Sicht – die ab Mitte der 1960er Jahre entstehenden „Serielle Lineaturen" schlicht als visionär, nehmen sie doch weit vor dem digitalen Zeitalter die Dynamik binärer Visualisierungen vorweg.

Die Schnittmengen des Adler-Oeuvres mit dem Schaffen von Kai Schiemenz und Philip Seibel sind vielfältig, schon in ihrer radikalen Gegenstandlosigkeit. Insofern ist die hier aufgeführte Wahlverwandtschaft schon optisch selbsterklärend. Ohne jedoch die Eigenständigkeit der beiden jüngeren Kollegen anzutasten, darf jenen Überschneidungen im Zusammenhang dieser Ausstellung kurz nachgespürt werden. Wenn wir also Philip Seibels Arbeiten auf Aluminium-Verbundplatten als Bildträger und seine programmatische Darstellung oder Inszenierung des Werkstoffs Holzfurnier neben scharfkantigen Lackmonochromien betrachten, dann sehen wir eine starke Hinwendung zu außerkünstlerischen Themen; Themen, die mit Baupraxis, Handwerklichkeit und industriellen Referenzen zu tun haben. Das erinnert natürlich an Adlers favorisierte Oberflächen aus Pressspanplatten und seine Verwendung von Industriefarben. In Seibels Arbeiten finden wir auch den Drang, Spuren des „Handgemachten" so weit wie nur möglich zu unterdrücken und erst in dieser rationalen Kühle unsere Sensibilität für die enormen Möglichkeiten von Malerei, von manueller Bildproduktion neu zu schärfen. Diese lupenreine Nahsicht macht die Betrachtung zu einem fast meditativen Vergnügen. So wird die häufig als minuziöses Trompe-l'oeil vorgetragene Maserung von Holz zu einem weiteren Markenzeichen dieser Tafeln. In diesen sensiblen, illusionistischen Materialanalysen klingt mit Sicherheit Seibels erste Ausbildung als Gitarrenbauer nach. Der aus dem Vogtland gebürtige Adler wiederum entstammt einer Familie von Instrumentenbauern, auch er lernte seit frühester Kindheit die kunsthandwerkliche Sorgfalt kennen, die zu einem Funktionsobjekt führt. Gerade beim Musikinstrument ist die Ästhetik der Erscheinung zugleich eine des Werkstoffs. Beide Künstler definieren das Tafelbild des 20. und 21. Jahrhunderts neu, mit dem gesamten Gepäck einer von Moderne und Nachmoderne, von Industrie und Normen geformten Umwelt.

Durch Adlers langjährige Lehrtätigkeit an der Architekturabteilung der Technischen Universität Dresden wurde aus dem Kontext des Bauens heraus sein Interesse an Materialien wie Beton, Glas und Metall befördert. Er experimentierte erfolgreich mit Keramik- und Gusssteintechnologien und entwickelte parallel zu baugebundenen Formsteinen sein modulares Vorgehen auch im künstlerischen Bereich weiter. Damit demonstrierte er in schönster Schlüssigkeit (und mit Bezügen zum Bauhaus-Denken) die Synthese zwischen auf Funktion zielender Baupraxis und künstlerischer Gestaltung. Er realisiert bis heute auch autonome, konstruktive Formableitungen aus Glas oder Metall. In ihrer eigenständigen Ornamentik und Materialität begeisterten sie Kai Schiemenz, der in den letzten Jahren verstärkt ebenfalls mit Glas und Metall arbeitet. Aktuell formt Schiemenz in klassischer Bildhauermanier Grundelemente aus Kunststoff und lässt die daraus abgeleiteten Gipsnegative in einer böhmischen Glasfabrik gießen, wodurch spannende Referenzen zu industriellen, baugebundenen Fertigungsmethoden aufscheinen. Die resultierenden Arbeiten rufen in der Tat Anklänge an kühne, von utopischen Ideen grundierte Architekturmodelle der frühen Moderne auf. Das ist kein Wunder, waren für den Künstler doch architektonische und auch angewandte Aspekte sehr lange werkbestimmend. Denken wir nur an seine partizipativen Raumforschungen wie „Tower to Nowhere" (2008) oder „Geschrumpftes Theater" (2007), die stets auf Teilhabe der Nutzer hin konstruiert waren. Heute entstehen wieder vermehrt autonome Objekte für Raum und Wände, die wir als Statements zu Materialität und Oberfläche lesen können. Mit Spiegeln, subtilem Licht, farbigem Glas oder poliertem Metall deutet Schiemenz eingefahrene Stereotype dieser Werkstoffe um. Glas wirkt da weich wie Wachs oder ein halbdurchlässiger Spiegel überlagert die erwartete Reflexion mit einem Lichtschimmer. Ähnlich wie bei Karl-Heinz Adlers fast lyrisch zu nennenden Farbschichtungen aus den 1990ern, stellen sich bei Kai Schiemenz neuesten Glaskörpern poetisch-magische Effekte ein. Und das obwohl bei diesen wie bei jenen ein strenges konstruktives Kalkül die Regie führt.

Doch wie schrieb Karl-Heinz Adler 2011, nachdem er die Strenge seiner Prinzipien und deren ornamentale Gesetzmäßigkeiten erläuterte? „Die Transparenz meiner Methoden – so hoffe ich – tut dem Geheimnis und Affektiven keinen Abbruch." Das liest sich wie ein Plädoyer für Geheimnis als unerklärbares Moment gelungener Kunst jenseits konzeptueller Programmatik. Es lässt sich mühelos auf den Eindruck aller drei hier gezeigten Werkgruppen anwenden.

Text von Susanne Altmann


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