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Jürgen Mayer H.
BLACK.SEE
EIGEN + ART Lab
9. April - 25. April 2013

Am 9. April 2013 eröffnet im EIGEN + ART Lab eine Einzelausstellung mit Werken von Jürgen Mayer H.. In den Räumlichkeiten des Lab zeigt er eine speziell entwickelte Rauminstallation aus Skulpturen und Wandmalereien, sowie eine Auswahl an Zeichnungen, Objekten, Collagen und Fotografien. Mit seinem Team J. MAYER H. arbeitet er in multidisziplinärer Raumforschung am Verhältnis von Körper, Natur und Technologie.

„Lazika am Schwarzen Meer – der exotische Name klingt nach dem Schauplatz eines Films oder eines Romans. Und tatsächlich ist die Stadt in Georgien insofern mit einer Fiktion verbunden, als sie nicht existiert. Noch nicht. Denn bis heute ist sie Entwurf geblieben. Und doch gibt es von ihr schon etwas zu sehen. Am Ende der bereits gebauten Magistrale, am Pier des zukünftigen Hafens, türmt sich wie eine erstarrte Gischtwelle ein schneeweißes Gebilde auf, dessen waffelartige Struktur es trotz seiner großen Höhe zart wirken lässt. Zunächst assoziiert man eine Funktionalität, einen futuristischen Leuchtturm etwa oder eine Forschungsstation. Doch der Bau von Jürgen Mayer H. ist frei von jeder konkreten Benutzbarkeit und somit vor allem eines: eine verbindende Geste zwischen Land und Meer, ein Spiel mit organoiden Volumina, mit materieller Gebundenheit und Leere, mit Schwerkraft und Schwebezustand. Die „Lazika Pier Sculpture“ macht etwas erfahrbar, was sie als funktionales Bauwerk vielleicht nicht leisten könnte: Sie zeigt das vielfältige Potenzial einer freien Raumkonstruktion und trägt auf diese Weise die Vision der geplanten Stadt symbolisch in sich.

Konstruktionen – ob materiell oder gedanklich – machen es uns Menschen leichter, etwas wiederzuerkennen und als verständlich anzusehen. Diese Wiedererkennbarkeit, die der Bestätigung von Erfahrungen und Erwartungen dient, erlaubt es uns, Objekte, Räume oder Situationen als real zu bezeichnen. Zu solchen Konstruktionen zählen die bewährten Parameter des Architektonischen, die das Tragen und Lasten von Massen auch visuell widerspiegeln, ebenso wie Oberflächenstrukturen oder Muster, durch die wir glauben, einen Raum bemessen, einschätzen und kontrollieren zu können. All diese (rationalen) Konstruktionen jedoch sind (irrational) tröstliche Hilfsmittel, die uns von der großen Ungewissheit über die menschliche Existenz fernhalten und uns Sicherheit im Hier und Jetzt vermitteln. Wir brauchen alle Arten von Konstruktionen, denn sie geben uns Hoffnung und Halt. Jedenfalls vermeintlich.

Aus dieser ambivalenten Perspektive auf das Konstruktive lässt sich auch die Rauminstallation „BLACK.SEE“ betrachten, die Jürgen Mayer H. speziell für die Räume des EIGEN + ART Lab geschaffen hat. Die Installation verbindet eine schwarze, frei im Raum stehende Skulptur mit riesigen, gleichfalls dunklen Wandmalereien. Das dreidimensionale Element besteht aus hohen Platten, die dergestalt ausgefräst wurden, dass sich ihre Flächigkeit nahezu vollständig aufgelöst hat. Seine gitterartige, unregelmäßige Formation wirkt rudimentär und unvollständig. Ob das Objekt Rest einer ehemals zusammenhängenden Konstruktion ist, eines komplexeren Ganzen, möglicherweise ein vergrößertes Detail von Mikrostrukturen? In direkter Beziehung zu dem schwarzen Raumgebilde stehen die umbrafarbenen Wandmalereien. Als geheimnisvolle Muster laufen sie über Wände und Decken, scheinen das Gebilde – ebenso fragmentarisch wie dieses – fortzusetzen. Die Malereien wirken wie die Schatten der Skulptur, verzerrt von einer nicht lokalisierbaren Lichtquelle. 

Das Formvokabular, auf das Jürgen Mayer H. seit langem zurückgreift und auch bei der Installation

„BLACK.SEE“ einsetzt, entstammt sogenannten Datensicherungsmustern. Diese finden sich beispielsweise auf den Innenseiten von Briefumschlägen, die von Ämtern oder Banken versandt werden. Ihre stark verdichtete Optik soll persönliche Briefinhalte vor Indiskretion schützen und sensible Daten unsichtbar machen, indem sie eine Sphäre exklusiven Wissens vorgibt. Doch ob das analoge, antiquiert anmutende Verfahren heute noch von Bedeutung ist, bleibt fraglich; vor dem Hintergrund einer hochtechnologisierten, digital geprägten Welt wirkt es eher metaphorisch. Denn es gibt mittlerweile andere, weitaus raffiniertere Möglichkeiten, in den Besitz geheimer Daten zu gelangen.

Mit seiner Installation „BLACK.SEE“ scheint Jürgen Mayer H. auf das trügerische Versprechen von Strukturen anzuspielen – und zwar nicht nur von Strukturen, die den Schutz persönlicher Daten suggerieren. Es geht um Strukturen und Konstruktionen ganz generell, die unser Vertrauen in sehr viel weiter reichendem Maße beanspruchen und eine scheinbare Sicherheit vermitteln. Wenn Mayer H. seine im Raum befindliche, kryptische Skulptur mit verzerrten, unwirklichen Schatten kombiniert, werden nicht nur Ursache und Wirkung im physikalischen Sinne voneinander unabhängig gemacht. Der Raum erweitert sich damit auch um Wahrnehmungsqualitäten, die einen stärker produktiv beschäftigen als das in sich Logische und sofort Einleuchtende – etwa das Beunruhigende, Fehlende, Missverständliche, Undefinierbare, Riskante, Instabile oder Vieldeutige. Zwar wird einer rationalen Konstruktion in unserem Kulturkreis mehr Berechtigung zugestanden, Realität darzustellen, als dem Imaginären. Doch erst die Gesamtheit aller sinnlichen Qualitäten bildet das vollständige Potenzial eines Erfahrungsraums. 

Dass unsere Raumwahrnehmung eine stets subjektive, nie völlig berechenbare und sich ständig verändernde Größe ist, war Künstlern und künstlerisch Tätigen schon immer bewusst – über alle kreativen Gattungen hinweg. Vor allem seit den 1960er Jahren haben Architekten, bildende Künstler, Choreografen und Komponisten den Erfahrungsraum mit bewusst geschaffenen Leerstellen, mit disparaten Materialien, Fragmentarischem, unorthodoxen Bewegungsabläufen oder neuen Klangmustern aufgebrochen und damit erweitert. Donald Judd, Dan Flavin oder Fred Sandback beispielsweise haben sich mit dem real vorgefundenen wie dem imaginären Raum gleichermaßen befasst. Naturgemäß noch von rein analogen Raumerfahrungen ausgehend, haben sie die Gültigkeit unserer Orientierungsmaßstäbe gezielt in Frage gestellt. Nicht selten haben sie sich dabei Systemen des Seriellen und industriell Standardisierten bedient – Strukturen also, die dem alltäglichen Denken entstammen und dadurch jenes Vertrauen einflößen, das sie jedoch nicht uneingeschränkt verdienen. Die Künstler haben erkannt, dass Konstruktionen nicht nur Orientierung bieten, sondern durchaus auch einengen können.

Auch Jürgen Mayer H. bewegt sich mit seinen ungewöhnlichen Formfindungen und Raumbildungen entgegen herkömmlicher Vorstellungen, etwa von Architektur als etwas klar Definiertem oder typologisch Einzuordnendem. Ebenso wie die Bestandteile eines organischen Systems scheinen auch Mayer H.s Raumsetzungen Elemente eines größeren, überwiegend nicht zu entschlüsselnden Kontexts zu sein. Sie agieren und reagieren folgerichtig (aber nur scheinbar logisch) und könnten sich unter Umständen auch sprunghaft verändern. Sie sind – im selben Maße wie das Organische – hochkomplex, aber unberechenbar. In diesem Sinne ist das vollständige Erschließen eines Raums von Jürgen Mayer H. kein gelingender, aber auch kein zwingend geforderter Zustand.

Diese Haltung ist der bildenden Kunst insbesondere nach dem Ende der Moderne immanent, wenn sie die Dominanz alles Systematischen, Strukturellen und Konstruktiven aufbricht und sich immer wieder bewusst dem Dysfunktionalen, dem noch Unfertigen, Anti-Konstruktiven oder alternativ Ästhetischen zuwendet. In der digitalen Welt des 21. Jahrhunderts, in der sich die Abhängigkeit von technologischen Systemen verstärkt, fällt jeder Konstruktionsfehler, jede unerwartete Abweichung als Kontrollverlust um so eklatanter auf. In dieser Situation ist es eine Chance, dem Unberechenbaren offen und vertrauensvoll entgegenzutreten. Immer bedeutsamer wird es, gerade jene Denkansätze weiter zu entwickeln, die rein rationale Konstruktionen nicht bieten können. Genau aus diesem Grund ist eine Haltung, wie sie Jürgen Mayer H. konsequent verfolgt, ebenso zeitgenössisch wie notwendig.

Bernhart Schwenk, Kurator für Gegenwartskunst, Pinakothek der Moderne, München

Jürgen Mayer H. (*1965 Stuttgart) studierte Architektur an der Universität Stuttgart, The Cooper Union New York und an der Princeton University. J. MAYER H., von Jürgen Mayer H. 1996 in Berlin gegründet, arbeitet an den Schnittstellen von Architektur, Design und Neuen Medien. Von Installationen bis zu internationalen städtebaulichen Interventionen entstehen Projekte als multidisziplinäre Raumforschung zum Verhältnis von Körper, Natur und Technologie. Internationale Ausstellungen und Sammlungen u.a.: Museum of Modern Art, New York; San Francisco Museum of Modern Art; Sammlung Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz; Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt a. M.; Sammlung Vitra Design Museum und Art Institute of Chigago. Lehrtätigkeit u.a an der Harvard University in Cambridge, an der Columbia University in New York und an der Universität der Künste Berlin. Internationale Auszeichnungen: u.a. Mies van der Rohe Award for European Architecture, 2003, Holcim Award Europe Bronze, 2005 und Gewinner des Audi Urban Future Award, 2010.

 

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