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Bosco Sodi
Cubes
Galerie EIGEN + ART Berlin
7. Juli - 27. August 2016

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Es beginnt mit einer simplen Idee: Massive Würfel aus Ton, einen halben Meter hoch. Bosco Sodis neue Skulpturen, zu hohen Säulen geschichtete Würfel aus gebranntem Ton, die vom 7. Juli bis 27. August in der Berliner Galerie EIGEN + ART zu sehen sind, können in dieser Dimension eigentlich gar nicht funktionieren. Beim Brennen müssten sie explodieren, zu groß ist die Kraft, die dabei im Material – Sand, Erde und Wasser – in Verbindung mit extremer Hitze freigesetzt wird.

Bosco Sodi ließ sich nicht beirren und begann sein Experiment. In seinem Atelier an der mexikanischen Pazifikküste arbeitete er mehrere Monate lang an der Kreation der Kuben, von der Vorbereitung und Zusammensetzung des Materials über das Schichten und Formen bis zum Trocknen und Brennen der Würfel. Er experimentierte mit verschiedenem Brennmaterial wie Kokosschalen oder Holz und beobachtete die Auswirkungen auf Form, Oberfläche und Farbe. Selbst der Ofen, in dem die Kuben 24 Stunden lang gebrannt werden, wurde speziell für diesen Zweck aus Tonziegeln gemauert, dem Prinzip folgend, nach dem Menschen seit mehreren tausend Jahren mit Keramik arbeiten.

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Am Ende steht die ideale Form: ein symmetrischer Würfel mit sechs gleich großen Seiten, wie er in der Natur nicht existiert und nur Menschen ihn schaffen können, jedoch aus ganz und gar organischen Stoffen, entstanden durch das Zusammenwirken aller vier Elemente. Jeder Würfel trägt die Spuren des Arbeitsprozesses, hat mal mehr, mal weniger Risse, die Ecken sind leicht verzogen, die Farbtöne changierend, je nach dem, welches Material im Brennprozess verwendet wurde. Jeder erzählt die Geschichte seiner Entstehung.

In dem Bosco Sodi die Würfel in der Ausstellung zu Säulen formiert, nähert er sie an die Form und Proportion des menschlichen Körpers an und erschafft gleichzeitig eine auf das Wesentliche reduzierte Architektur, einen Säulengang, durch den man sich bewegen kann. Aus der Nähe betrachtet entfalten die Säulen eine Kraft, die sich schwer in Worte fassen lässt, die man erfahren, aber nicht festhalten kann. Als könnte man die Kräfte spüren, die zu ihrer Entstehung notwendig waren, das Rohe, Natürliche, die Hitze und Masse und das schiere Gewicht, aus dem sie bestehen.

Im Kern der Arbeit von Bosco Sodi steht immer der Prozess, das Ausprobieren und Ankommen bei einem Resultat, dessen Erscheinung er zwar beeinflussen, aber nicht vorhersehen kann. Sodi überlässt so viel er kann Zufällen oder sogar Unfällen, er sucht das Unkontrollierbare geradezu. Der Künstler gibt den Rahmen und das Material vor, doch das fertige Werk entsteht durch sich verselbstständigende Prozesse.

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So auch bei seinen ins dreidimensionale auswachsenden Bildern, die er meist in farblichen Serien arbeitet. Ihre zerfurchten Oberflächen entstehen durch das Aufschichten von Sägemehl, Leim, Zellstoff und reinem Pigment auf Leinwänden und dem anschließenden Trocknungsprozess unter Einfluss lokaler Bedingungen wie Temperatur und Luftfeuchtigkeit – Sodi unterhält mehrere Ateliers in New York, Mexiko und Barcelona. Aber auch die Qualität des Wassers und die Beschaffenheit der Sägespäne lassen die Bilder je nach Ort verschieden werden. Seine Arbeit an den Bildern endet im Moment, in dem nach tagelangem Formen, Antrocknen, Bearbeiten die ersten Risse in der Oberfläche entstehen. Dann entwickeln die Bilder ihr Eigenleben, verändern sich in der Farbe und in den Formen, die sich an der Oberfläche ausbilden. Auch wenn allen Bildern der neuen Serie titanweißer Quadrate dasselbe Format zugrunde liegt, dasselbe Material verwendet wurde, dieselben klimatischen Bedingungen herrschten – keins ist wie das andere, jedes lässt sich anders lesen, weckt andere Assoziationen und Erinnerungen, wenn der Blick sich einmal darauf eingelassen hat. Oft sind es Erinnerungen an Naturphänomene und Formationen wie sattgrüne Regenwälder, leuchtend blaue Meeresflächen oder schreiend pinke Blüten, die sich beim Betrachten der Bilder im Kopf aufbauen, und genauso überwältigend und nicht loslassen könnend wie der Blick auf die Weite des Meeres, der Berge oder Wälder, fühlt sich der Anblick dieser Bilder an. Die neue, weiße Serie ist wie eine trockene Wüste, wie der Boden, der sich nach Regen verzehrt, erdig, durstig, vielleicht auch eisig. Auch hier ist die Energie, die unter der Oberfläche brodelt, förmlich greifbar.

Bosco Sodis Arbeit ist eng verwoben mit dem japanischen Konzept des wabi sabi. Nach dieser ästhetischen Philosophie liegt die Schönheit nicht im äußeren Glanz, sondern im „Unperfekten", in der Schlichtheit, der Patina und in den feinen Rissen in der Oberfläche eines vollkommenen Bildes.

Text von Leonie Pfennig

 

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