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Bullish on Bulbs,
American Option,
Lambdaprint, Acryl, Aluminium,
165 x 120 cm, 2007,
Auflage: 3 
 
 
Bullish on Bulbs,
Asian Option
Lambdaprint, Acryl, Aluminium,
165 x 120 cm, 2007,
Auflage: 3 


Bullish on Bulbs,
European Option
Lambdaprint, Acryl, Aluminium,
165 x 120 cm, 2007,
Auflage: 3  
 
 
Rémy Markowitsch
Bullish on Bulbs - Vom Spiel mit dem Glück
Galerie EIGEN + ART Berlin
27.10.2007 - 27.12.2007

 

Geld ist nicht nur existenziell notwendig, es ist eine wahre Lust, Geld zu besitzen und zu vermehren. Und so macht nur wenig das Leben prickelnder als der Handel an der Börse und insbesondere mit Optionen, welche enorme Gewinne oder Verluste bringen können. Hier kommt der ganze Jagdtrieb, die Spielsucht, Sammelwut, Lust und das Hasardeurentum, die in jeder Seele hocken, zusammen zum Zug. Es ist ein Spiel mit dem Glück, das süchtig machen kann. Rémy Markowitsch greift in der Ausstellung «Bullish on Bulbs» in der Galerie EIGEN + ART, Berlin, dieses Lebensgefühl auf, das auch der Motor des Kapitalismus ist. Wie in allen seinen Projekten verarbeitet er auch hier die vielfältigsten Bezüge zu einem imaginären Raum der Verweise, doch öffnet die Sinnlichkeit und Verführungskunst der Objekte und Bilder die Tür zu diesem Raum. Rémy Markowitschs Arbeiten entstehen in der Auseinandersetzung mit den Themenfeldern Literatur und Forschung, Reisen und Entdeckungen, der Aneignung des Fremden, mit Kolonialismus, Sammelleidenschaft und Sucht. Gleichzeitig reflektieren sie die eingesetzten Medien Fotografie, Buch, Video oder Sprache. Licht - durchleuchten, belichten, beleuchten, erhellen - spielt dabei eine zentrale Rolle: Für die Serien «Nach der Natur» (1991-1998) oder «On Travel» (2004) etwa unternahm Markowitsch Expeditionen in die Bildwelten, die er in Büchern fand. Diese fotografischen Interpretationen der Welt durchleuchtete er im tatsächlichen wie übertragenen Sinn und fotografierte, was sich durch die Durchleuchtung zeigt, die beiden auf Vorder- und Rückseite eines Blattes sich befindenden Motive nämlich, die sich neu übereinanderlagern. Nach diesem Arbeitsprinzip entstehen die meisten seiner fotografischen Werke. Auch in «Bibliotherapy» (2001-2003), in der die riesenhafte, leuchtende Skulptur «Bonsai Potato» das Zentrum bildete, setzte sich Rémy Markowitsch mit dem Buch als Speicher des Wissens, der Gefühle und Erfahrungen auseinander. Während «Bibliotherapy» und «On Travel» in unterschiedlicher Weise die urmenschliche Lust, Wissen anzusammeln, thematisieren und u.a. das Lesen und Betrachten von Bildern als imaginäre Reisen, Leidenschaft und Sucht reflektieren, nimmt «You are not alone (Vol. 1)» (2004) auch die Bewusstseinszustände und Wahrnehmungen unter dem Einfluss der legalen Droge Alkohol und der Idee ihrer Prohibition in den Fokus. In erster Linie setzt sich Rémy Markowitsch im 2007 entstandenen Projekt «Bullish on Bulbs» am Beispiel der Zwiebeln mit dem Optionenhandel auseinander, also dem Spiel mit der Hoffnung auf Gewinn. So einfach Zwiebeln sein mögen, sie werden nicht nur in fast jedem alltäglichen Essen, sondern - etwa in Indien - über ihre Preise auch bis in die politische Elite hinauf wirksam; gesellschaftliche Unruhe zu hoher Lebensmittelkosten wegen kann sich keine Regierung leisten. Zwiebeln sind jedoch nicht nur potenziell Nahrungsmittel, sondern als Tulpen- oder Lilienzwiebeln sind sie optional Blumen - eine wunderschöne Metapher. Und: Der erste Börsencrash der Geschichte wurde 1637 durch den Zusammenbruch des Tulpenzwiebelhandels in Holland herbeigeführt. Die Tulpenzwiebeln, die aus China über das osmanische Reich nach Europa kamen, und die Zwiebeln, die man essen kann, stehen als Objekt gewordene Möglichkeitsform und Handelsgut symbolhaft für den menschlichen Umgang mit Dingen und Werten, und bieten Rémy Markowitsch darüber hinaus genug Komik, um Pathos zu verhindern.In der Ausstellung «Bullish on Bulbs» hängt ein rund 3 Meter hohes Polyester-Leuchtobjekt von der Decke. Es ist eine Zwiebel, die, ins Gigantische vergrössert, in ein sinnliches, merkwürdig aufreizendes Objekt transformiert ist. In der Börsensprache bezeichnet 'bullish' die Erwartung von steigenden Kursen, also von Gewinn, kurz: von Glück. Mit der Titel gebenden Serie Tulpenbilder «Bullish on Bulbs» zieht Rémy Markowitsch Bedeutungsfäden zum heute betriebenen, doch im 17. Jahrhundert ausser Rand und Band geratenen Handel mit Tulpenzwiebeln (für einzelne Knollen wurden damals Summen für ganze Häuser bezahlt). Er treibt das Spiel mit der ambivalenten Schönheit und Sexiness, also Markttauglichkeit, weiter und nimmt die Verbindung zum heutigen Börsenhandel auf, indem er zu jedem Bild je eine Option kombiniert, etwa die «American», «Asian» oder «European Option». Das Video «Bubbles and Tears» zeigt den turbanartig verbundenen Brausekopf einer laufenden Dusche (von ferne winken die Osmanen, die die begehrten Tulpenzwiebeln nach Europa geliefert haben), während über die Tonspur Szenen aus amerikanischen, asiatischen und europäischen Filmen zu hören sind, in denen geweint wird. Halb schaudert einen, halb muss man lachen: Das kapitalistische System ist ambivalent und vielfältig mit Lust-, Macht- und Ohnmachtgefühlen verbunden. Käufer und Verkäufer, Glück und Unglück brauchen einander.Im letzten Raum der Ausstellung öffnet Rémy Markowitsch das Spiel um Geld, Lust und Gier, das «Bullish on Bulbs» aufgreift, und wirft Licht auf ein neues Bedeutungsfeld im weit verzweigten Themenkomplex Markt - Geld - Politik: Mit dem Bild «The International Jew» (2007), einer Durchleuchtung, die ein Porträt des Autoproduzenten Henry Ford mit einer Luftaufnahme eines Ölfeldes mit Bohrtürmen der von John D. Rockefeller gegründeten Standard Oil Company zur Überlagerung bringt, thematisiert Rémy Markowitsch die Verstrickungen von Geldhandel, Antisemitismus, Politik, Industrie und Krieg. Das sind gewichtige Worte, komplexe politische, historische Themen. Doch Rémy Markowitsch findet eine Bildchiffre, die wie eine Gewitter

Nadine Olonetzky, September 2007    

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