Cihan Çakmak
breaking is reflection
2. Juli – 22. August 2026
Die Galerie in Berlin ist nicht barrierefrei. Bitte rufen Sie uns vorher unter 030 - 280 66 05 an, wir helfen Ihnen gerne weiter, damit Sie die Ausstellung genießen können.

Nach Präsentationen im EIGEN + ART Lab sowie im Rahmen von NEW POSITION auf der Art Cologne freuen wir uns, die erste Einzelausstellung von Cihan Çakmak in unserer Berliner Galerieanzukündigen. Die Ausstellung eröffnet am Donnerstag, den 2. Juli 2026.
Cihan Çakmak hat Fotografie an der Fachhochschule Dortmund sowie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig studiert, wo sie 2023 als Meisterschülerin von Prof. Tina Bara abschloss. In ihren Fotografien, Zeichnungen, Videos und Texten setzt sie sich mit Fragen von Identität, Erinnerung, Selbstbild und kollektiven Erfahrungsräumen auseinander.
Die Ausstellung breaking is reflection versammelt frühe und aktuelle Fotografien sowie Zeichnungen – stets im Spannungsfeld zwischen Distanz und Nähe, Erinnerung und Wirklichkeit, Emanzipation und Fremdbestimmung, Spiegelung und Verzerrung.

Let me be your eyes
Die Bilder haben sich von den Wänden gelöst. Der Raum ist gekrümmt. Die Spiegel werfen das Licht in andere Richtungen zurück. Der Blick geht in die Kamera. Mit ausgestreckter Hand. In der Andeutung eines Torsos. Mit verdeckender Hand. Der Blick geht in die Kamera, an deren anderem Ende jetzt ein einzelner Mensch steht und zurückblickt.
Du sagst, wenn es nur um mich und nur um dich ginge und niemand anderes im Raum wäre, dann wäre es einfach. Aber da sind ja noch alle anderen. Du sagst: Hier stehen viele.
Am Rand des Bildes, in der Spalte unter der Decke, in der Kerbe am Rahmen, da wo der Stift endet, da wo die scharfen Kanten des Bildes nur noch weiße Wände zurücklassen, an der Schwelle zum Raum, stehen viele.
Du hast die Stelle gefunden, an der du aufhörst und sie beginnen, die Stelle, an der es kälter ist als gedacht, die Stelle, an der die Geschichte beginnt, die Stelle, an der der Schmerz sitzt; und so kamen dir die Bilder wieder:
[Brechung bezeichnet die Richtungsänderung einer Welle beim Übergang zwischen zwei Medien unterschiedlicher Ausbreitungsgeschwindigkeit.]

It’s not you, it’s not me
Im Bild, an der Stelle, wo der Schmerz sitzt, stehst du. Und jetzt sind sie mitgemeint. Und auch wenn ihnen dieser Schmerz nicht zusteht, sind sie mitgeweint.
Man könnte sagen: Und wenn wir weinen, weinen wir immer auch wegen allem anderen, wegen allem, über das wir zu weinen vergessen hatten; oder an Stelle derer, die nicht weinen konnten; für alle, für die die Zeit zu weinen nie gekommen war.
Du sagst, wir würden niemals einen Menschen so sehen, wenn es die Fotografie nicht gäbe. Wir können niemals jemanden sehen, der allein ist.
Du siehst mich an, in diesem Moment, in dem ich allein war. Und so bist auch du allein. Du lernst, dich als dieser Mensch zu sehen, der jetzt zurückblickt. Der im Bild, zumindest für diese Zeit, die sich berechnen lässt wie die Ausmaße eines Rahmens, gerettet ist. Der die Dinge zusammenhält, als gäbe es ein Bild, das man sich machen könnte. So machst du uns ein Bild davon.
[Die Geschwindigkeit des Lichts ist abhängig von den Eigenschaften des Mediums, das es durchquert. ]
You cannot see me from where I look at myself.
Du sagst: Die Fotografie ist eigentlich ein Bildstabilisierungsverfahren, eine unwahrscheinliche Fixierung. Die Dinge zusammenhalten, als gäbe es ein Bild, das man sich machen könnte.
So kehren die Traumbilder gerahmt als Wirklichkeit zurück. Man sollte da nicht zu viel hineinlesen. Oder: Let’s read something into it.
[Die Richtung des gebrochenen Strahls ergibt sich aus dem Verhältnis der Brechungsindizes beider Medien.]
I’ll be your mirror
Die Bilder breiten sich in die Horizontale aus, treffen uns auf halben Weg. Die Bedingungen ihrer Entstehung treten hinter Schichten von Farbe und Tinte zurück. Was unmittelbar vorausging, bleibt unbekannt. Was darauf folgte ebenfalls. Bis wir wieder allein sind mit den Bildern. Währenddessen verschieben sich die Bedingungen ihrer Erscheinung.
Ich sehe dich an, in diesem Moment, in dem du allein warst. Und so bin auch ich allein.
Du sagst: Manchmal hilft es, das Ich und das Du zu vertauschen. Nur als Versuch. Der Satz bleibt derselbe. Aber seine Richtung verändert sich. Was eben noch als Beschreibung einer anderen Person erschien, kann als Selbstversuch gelesen werden. Die Verschiebung ist gering. Ihre Folgen sind es nicht. Es ist unmöglich, diese Distanz zu überbrücken. Wir bleiben mit der Differenz zurück. It’s not me.
[Der Brechungsindex beschreibt das Verhältnis zwischen Lichtgeschwindigkeit und Medium.]
Please, take down your hand
Du sagst: Die anderen werden zu Spiegeln, vor denen wir stehen bleiben. Stellvertreter einer Leere, deren Ursprung längst woanders liegt. Der eigentliche Schmerz verschwindet hinter den Personen, die an seine Stelle treten. It’s not you.
Eine Fotografie zeigt einen Menschen allein in einem Raum. Sobald jemand hinsieht, ist diese Einsamkeit bereits unterbrochen. Die Kamera registriert einen Zustand, dessen Beobachtung ansonsten ausgeschlossen wäre. Das Bild macht ihn zugänglich, aber die Bedingungen seiner Entstehung bleiben immer außerhalb des Bildes. Der Schmerz steht niemand anderem zu.
[Trifft ein Lichtstrahl auf die Grenzfläche zweier Medien, werden Richtung und Geschwindigkeit seiner Ausbreitung neu bestimmt.]
Reflect what you are, in case you don't know
Du sagst: Es wird zunehmend schwieriger festzustellen, wer hier betrachtet und wer betrachtet wird.
Ein Gesicht erscheint mehrfach. Ein anderes fehlt. Eine Hand verdeckt einen Blick. Ein Körper wird angeschnitten. Die Zuordnung bleibt unvollständig. Die Bewegung findet innerhalb des Bildes statt. Oder innerhalb der Person, die es betrachtet. Beide Körper – der, der blickt und der, der zurückblickt – bleiben in der Anerkennung ihrer Differenz erhalten.
[Das Reflexionsgesetz beschreibt das Zurückwerfen einer Welle an einer Grenzfläche. Das Reflexionsgesetz beschreibt die Beziehung zwischen Einfallswinkel und Ausfallswinkel. Beide sind gleich groß.]
A hand to your darkness so you won't be afraid
Du sagst: Wir haben gelernt, das Surreale mit dem Unwirklichen zu verwechseln. Dabei beschreibt der Begriff etwas anderes. Etwas, das die ganze Zeit vorhanden ist und nur selten sichtbar wird. Du sagst: Eine zweite Schicht der Erfahrung. Die Möglichkeit, dass gerade dies die eigentliche Wirklichkeit sein könnte.
In den Träumen tauchen dieselben Verschiebungen wieder auf. Räume gehen ineinander über. Personen wechseln ihre Positionen. Ein Gespräch setzt sich im nächsten Raum fort. Die Reihenfolge lässt sich nicht rekonstruieren. Vielleicht werden sie deshalb notiert. Vielleicht deshalb fotografiert. Nicht um sie festzuhalten. Sondern um ihre Richtung bestimmen zu können.
[Ein Spiegelbild entsteht nicht an dem Ort, an dem es wahrgenommen wird. Sein Ort ist virtuell.]
Fabian Saul