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Igor Hosnedl
DIVE
30. Mai – 6. Juli 2024
Eröffnung: Donnerstag, 30. Mai, 17 – 20 Uhr

First having read the book of myths,
and loaded the camera,
and checked the edge of the knife-blade,
I put on
the body-armor of black rubber
the absurd flippersthe grave and awkward mask.
I am having to do this
not like Cousteau with his
assiduous team
aboard the sun-flooded schooner
but here alone.

aus Diving into the Wreck von Adrienne Rich

***

Der aus dem Altgriechischen stammende Begriff Thalassophobie beschreibt die Angst vor offenen Gewässern wie dem Meer oder einem See. Ein solcher Zustand könnte durch verschiedene Faktoren verursacht werden, angefangen bei evolutionär tief verwurzelten Ängsten vor Kraken und Leviathanen verschiedener Art, durch einen Mangel an Erfahrung und Vertrautheit mit dem Unbekannten unter Wasser oder schlichtweg ausgelöst von einer früheren negativen Erfahrung. Da wundert es nicht, dass wir dazu neigen, zahlreiche Metaphern zu verwenden, die unsere tiefsten Ängste mit Wasser in Verbindung bringen. Wellen versinnbildlichen oft Herausforderungen und Ängste, ein stürmisches Meer deutet auf emotionalen Aufruhr und dergleichen hin. Aber es gibt einen bestimmten Zustand des Wassers, der mit seinem schrecklichen Charakter alle anderen beherrscht: der Zustand einer ruhigen, stillen Wasseroberfläche. Eine, die alles düster widerspiegelt, und kein Narziss würde es jemals wagen, hineinzuschauen. Solch eine Oberfläche wirkt anziehend. Solch eine Oberfläche verschlingt. Solch eine Oberfläche zeigt niemals Reue. Sie existiert in der Zeit, einer ganz bestimmten Zeit, irgendwo zwischen den ersten Lichtstrahlen des Tages, die sich über den Horizont ausbreiten, und dem Sekundenbruchteil der Transformation, wenn die Sonne das Wasser direkt berührt. Ein stiller, dunkler Spiegel wartet auf seine Beute, für einen kurzen Moment, geduldig, immer wieder, in Zyklen. Und wenn das Licht der Morgendämmerung vom Wasser reflektiert wird, ändert sich alles, und wer weiß, möglicherweise nähern sich ihr einige sogar vollkommen furchtlos.

Eigenartig. Vor allem, wenn man sich all die feuchten Träume unserer Milliardäre vor Augen führt, in den Weltraum zu reisen, dort zu leben und zu sterben. Nicht einer von ihnen will etwas mit den Tiefen der Ozeane zu tun haben. Zumindest hat es bisher keiner erwähnt. Und doch (denkt man beispielsweise an Keir Dullea als David Bowman, wie er in 2001: Odyssee im Weltraum das All durch diesen abgedrehten, monolithischen Wirbel durchquert) entsteht eine ganz ähnliche Stimmung wie wenn Ed Harris als Bud in James Camerons Abyss immer wieder in den Abgrund fällt (natürlich ohne die psychedelischen Bilder, schließlich entstand der Film zum Höhepunkt der Reagan-Ära). Warum wollen wir ins All fliegen, aber haben Angst, unter Wasser zu tauchen? Die Antwort ist wahrscheinlich sehr einfach. Wir haben keine wirklich konkrete Vorstellung vom Weltraum, während der Gedanke ans Ertrinken das Gefühl eines sehr realistischen und greifbaren Untergangs vermittelt. Sicher. Aber könnte da noch mehr dahinterstecken? Alien vs. Sea Monster (klingt nach einem Blockbuster). Das Bändigen von Wasser spielt sicherlich auch eine Rolle. Denn praktisch jede große Religion der Welt nutzt es als ritualisiertes Medium zur Erneuerung und spirituellen Reinigung, ja sogar Transformation. Wasser bändigen, um Angst zu bändigen? Puh, das klingt direkt nach Dune. Zurück zu Igor, bitte.

Es ist nicht klar, ob wir dazu eingeladen werden, einer Geschichte beizuwohnen. Auch wenn alles darauf hindeutet. Zu sehen ist eine Figur, die sich auszieht, ins Wasser geht und völlig erschöpft wieder herauskommt, während das Wasser seinen Zustand von ruhig zu aufbrausend wechselt. Dem titelgebenden Gemälde könnte sogar eine Diskussion zweier Personen vorangehen, die eine Wette eingehen, während sie Cocktails schlürfen: „Ach ja? Ich wette, du traust dich nicht, dort zu tauchen.“ Also musste es geschehen. Dann ist da die Darstellung einer Unterwasserstruktur aus Wurzeln, die Regale für einen Unterwasserschatz bilden, der das Ziel des Tauchgangs gewesen sein könnte. „Bring mir das magische Ei der Wassermenschen!“ … den Rest der Geschichte kann man sich denken. Die scheinbare Linearität der gesamten Serie ist fast so beängstigend wie die ruhigen Wasseroberflächen, die sie abbildet. Zumindest bis man sich wieder auf die dargestellte Zeit konzentriert, die in Feuer, brennenden Streichhölzern, Leuchtfeuern oder Laternen vergeht (beziehungsweise stillsteht). Diese könnten ewig zyklisch abbrennen. Vielleicht sogar wie bei Und täglich grüßt das Murmeltier. Betreten wir zweimal dasselbe Gewässer? Oder … mehrmals? Fällt es uns schwer, ein ständiges Wiederholen unserer Fehler zu vermeiden? Versuchen wir immer wieder, in dieses verrückte, unheimliche Wasser einzutauchen, doch schaffen es am Ende einfach nicht? Ist es wirklich eine Geschichte oder doch der eigene Alltag? Tauchen wir also ein, um das alte Wrack zu finden und es herauszubekommen.

JK

***

This is the place.
And I am here, the mermaid whose dark hair
streams black, the merman in his armored body.
We circle silently
about the wreck
we dive into the hold.
I am she: I am he

aus Diving into the Wreck von Adrienne Rich

Übersetzung Hagen Hamm

Weitere Arbeiten des Künstlers finden Sie HIER.

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