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Kai Schiemenz
Kolk

6. November - 18. Dezember 2021
Galerie EIGEN + ART Leipzig

Film & Edit: TABLEAU Films (Matthias Maercks)
Music: Matthias Hermann



„Kolk“? Das, was wie ein Fantasiewort klingt, beschreibt einen Zustand in der Natur: eine tiefe Höhlung an einem Flussufer, die durch strudelartige Bewegungen von Gestein im Wasser entstanden ist. Kai Schiemenz betitelt mit dieser paradoxerweise klangvollen und zugleich klanglosen Bezeichnung seine aktuelle Ausstellung in der Galerie EIGEN + ART Leipzig. Die Schau ist ein Experimentierfeld, in dem elaborierte, nach Kristallen benannte Glasarbeiten und raue Betonkörper zusammenkommen. Den Titel und die gezeigten Skulpturen verbindet, auf die Natur, genauer: auf das Erdreich, und auf darin und dadurch neu entstehende Räume zu verweisen.

In den zurückliegenden Monaten hat Kai Schiemenz eine Art archäologische Ausgrabung unternommen. Eingeladen vom Zentrum für Urbanistik im Zuge des Projektes „RE-TURN Skulpturenpark Berlin_Zentrum“ hat er in der Gegend des ehemaligen Mauerstreifens in der Berliner Stadtmitte Löcher gegraben, ihr Volumen mit Beton ausgegossen und aus der Erde geborgen. Jahrzehntelang war dieser Teil der Stadt Brachfläche, Sperrgebiet. Manches Mal stieß Schiemenz beim Graben auf die Relikte alter Kellerwände längst verschwundener Häuser, deren oberirdisches Leben schon seit weit über einem halben Jahrhundert vergangen ist. Heute findet sich dort ein wohlhabendes Wohnquartier, das gleichwohl noch nicht viel lebendiger erscheint. Die groben Betonkörper, die aus diesen letzten Leerräumen des Viertels gehoben wurden, stehen nun im Ausstellungsraum. Sie erzählen von ihrem Ursprung aus der (städtischen) Natur, Steine blieben an ihnen haften, Schutt. Sie halten einen Ort fest, der so nicht mehr existiert. Weil es sie gibt, hat das Verlorene eine Gegenwart.

Der Herbheit des grauen, porösen Betons stehen die kühlen Kanten der polychromen Glasarbeiten wie „Beryll“, „Topaz“, „Rotil“ in der Ausstellung gegenüber. Ausgangspunkt dieser Werke ist Schiemenz' Faszination für kristalline Formen, für die Geologie im Allgemeinen. Die im Atelier gebauten Kristallkörper weisen durch ihre Form und ihre Materialität auf ihre Naturvorbilder hin und sind zugleich eigenständige Architekturen, expressionistische Konstruktionen im Raum. Wie schon seine Werkgruppe der „Steine“ hat Schiemenz auch die Kristallformen in böhmischen Manufakturen in Glas übertragen lassen. Ihre Qualität, Licht aufzunehmen und zu reflektieren, verändert die Wahrnehmung der eigentlich unveränderlichen Körper ständig, sie sind Wandlungen unterworfen. Das Spiel zwischen Undurchlässigkeit und Transparenz des Glases eröffnet einen Raum im Innern der Skulpturen und erlaubt den Betrachtern, ihren Blick in dieser visuell unbestimmten Dimension zu verlieren.

Zwei Strategien des Skulpturenmachens begegnen sich in der Zusammenschau der Betonkörper und Glasskulpturen: die einen entstehen durch eine negative Form, durch das Ausgießen eines Hohlraums, die anderen durch eine positive, durch den Bau eines Objektes und dessen Abformung, in diesem Fall in einem Handwerksbetrieb. Beiden Werkprozessen ist in der Arbeitsweise von Schiemenz der Kontrollverlust, das unbedingte Spiel mit dem Zufall gemein. Hier ereignet sich Form, es ereignet sich Raum. Im Aufeinandertreffen der Skulpturen bildet sich ein neuer Raum, eine Art Park von Erd- und Kristallformen. Eine neue Natur ist entstanden.

Dr. Elisa Tamaschke

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