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Kristina Schuldt
BEBEN
Galerie EIGEN + ART Leipzig
30. April - 4. Juni 2022

Nichts muss passen
- Auszug aus einem Interview, geführt von Saša Bogojev
(Übersetzung aus dem Englischen von Frank Süßdorf)

Roh und elegant, schön und grotesk, stark und fragil, lebenslustig und entmutigt, erfolgreich und gescheitert. Zwischen diesen beständigen Polen pendelt, nach Ausgleich strebend, das, was wir gemeinhin das Leben nennen. Kristina Schuldt dienen sie als Elemente einer Bildsprache, mit deren Hilfe sie Unordnung, Zufälligkeit und Ungewissheit in alltäglichen Erfahrungen erkundet und zu erklären versucht. Ihre stämmigen Musen umklammern welkende Blumen oder gehen ihren Weg tapfer in High Heels, als reine Metaphern für persönliche Erfahrungen, als codierte Bilder, die den Zustand des Menschen darstellen.

Gehen Sie nach einer bestimmten Formel vor, wenn Sie sich der leeren Leinwand nähern?

Nein. Am Anfang weiß ich einfach nur, dass alles, was ich auf die Leinwand bringe, nicht von Dauer sein wird. Und das ist wirklich sehr frustrierend. Aber es gibt einen Punkt, an dem es zu einer haptischen Sache wird. Es bekommt einen Körper.

Ich habe auch noch einen neuen Trick. Sehen Sie sich diese Farben an, diese Gläser mit alten Farbtuben meines russischen Großvaters. Ich entscheide mich immer für eine Farbe und gebe eine kleine Menge davon auf das Gemälde. Ich habe irgendwie die Vorstellung, dass die Seele meines Großvaters bei mir ist und mir hilft, das Bild zu entdecken.

Oh, das gefällt mir sehr.

Ich weiß nicht, ob das nur in meinem Kopf passiert. Aber dann muss ich auch die Farbe auswählen, das ist ebenfalls sehr schwer und langwierig. Dieses Bild zum Beispiel, das alles andere als fertig zu sein scheint, sieht für mich scheiße aus. Ich muss alles ändern.

Gibt es die Werke Ihres Großvaters noch irgendwo?

Er war Maler und Bildhauer. Als er starb, war ich ein Jahr alt, ich habe nur diese alten Fotos und ein paar seiner Arbeiten, und die mag ich wirklich. Er folgte dem Stil des Sozialistischen Realismus.

Dieses Element habe ich auch immer in Ihrer Arbeit gespürt, obwohl sie auch ein wenig in Richtung Kubismus oder sogar Abstraktion zu gehen scheint. Was reizt Sie daran?

Ich habe immer das Problem, mich nicht entscheiden zu können. Wenn ich ein Werk fertigstelle, denke ich darüber nach, es realistischer oder abstrakter zu machen. Ich kann mich nicht entscheiden, also mache ich beides, versuche es zumindest. Außerdem glaube ich, dass ich mit allem verbunden bin. Ich möchte mir selbst keine Grenzen setzen. Ich denke, heute kann man alles tun. Man kann alles ausüben oder nutzen. Mit dem Internet lässt sich alles finden und verwenden.

Frustriert Sie das?

Ja. Aber ich glaube, das ist normal, denn es ist schwer, sich eine Vorstellung von neuen Dingen zu machen. Alles ist eine Kombination von Dingen, die es schon gibt. Ja, das ist problematisch und ich wäre wirklich froh, wenn jemand etwas Neues entdecken oder erfinden würde, aber bis dahin müssen wir alle einfach weitermachen wie bisher. Meine Werke werden zum Beispiel immer mit denen von Fernand Léger verglichen, und ja, es gibt Phasen, in denen ich mich wirklich für etwas begeistere. Dieses Jahr galt meine Bewunderung dem österreichischen Maler Waldmüller. Ich habe mir dieses Buch gekauft, obwohl es ein bisschen kitschig ist, aber ich bin echt darauf abgefahren.

Ich forciere es keineswegs, aber manchmal bemerke ich nach einer Weile, dass etwas davon in meine eigene Malerei einsickert.

Ich habe zwar Bezüge zu Léger und zum Tubismus gesehen, aber mit Ihren Farben schlagen Sie einen recht unerwarteten Weg ein. Sie sind in keiner Weise vordergründig, wie also wählen Sie sie aus?

Das ist wirklich ein langer Prozess. Immer wieder verändere ich die Farben und schaue mir die Wirkung an. Bei der Arbeit überkommt mich das Gefühl, dass alles langweilig ist und es keine neuen Farben gibt. Ich brauche mehr. Selbst beim Farbenkauf denke ich: „Mann, ist das langweilig.“ Ich versuche also immer, neue Kombinationen zu finden, damit die Farben anders aussehen.

Es muss recht schwierig sein, mit nichts anzufangen und sich auf das fertige Werk und all diese Farbkombinationen hinzubewegen. Schränken Sie sich ein oder legen Sie bestimmte Methoden fest, um zum Ziel zu gelangen?

Eine Einschränkung liegt darin, dass nichts passiert, sobald sich das Bild nicht mehr im Atelier befindet. Es ist tatsächlich gefährlich, es hierzulassen. Ich habe da dieses Motto, aber ich vergesse es ständig! Doch wenn ich mich daran erinnere, habe ich wieder Spaß. Es lautet: „Nichts muss passen.“ Es macht wirklich Spaß, denn die meiste Zeit denke ich nur: „Ich bin so eine Loserin. An diesem Punkt komme ich nicht weiter. Ich bin ein Schwächling. Ich kann gar nichts. Jeder ist erfolgreich und jeder kann malen.“ Und dann fällt mir mein Motto wieder ein und die Arbeit macht wieder Spaß.

Das klingt ganz schön beeindruckend! Würden Sie also sagen, dass Sie unter Druck besser funktionieren?

Ja. Ich arbeite besser, wenn ich Fristen einhalten muss. Aber dann werden alle um mich herum wahnsinnig, meine Familie und alle anderen. Jeder und jede wird zum Feind. Bei der Arbeit werde ich echt zum Monster.

Die collagenhaften Elemente entstehen also unter der Prämisse „Nichts muss passen“?

Sie ergeben sich auch aus dem Arbeitsprozess. Ich habe es einfach mal ausprobiert und fand es dann wirklich schön. Also kann ich das verwenden und normalerweise liegen solche Sachen überall herum. Oft sind sie auch schmutzig und mit anderen Farben darauf. Aber für mich sind sie wirklich heilig. Wenn ich sie also in das Gemälde einbaue, kann ich sie behalten.

Und wenn Sie sagen, sie ergeben sich aus dem Arbeitsprozess: Wie sieht diese Phase aus?

Es geht dabei vor allem darum, Dinge auszuprobieren. Manchmal, wenn ich eine auf einem Blatt Papier gemalte Hand habe, dann soll sie keine echte Hand darstellen. Sie dient nur als Hinweis, dass es eine Hand geben könnte. Oder vielleicht ist ein Kopf kein echter Kopf, sondern versucht nur, einer zu sein.

Das stimmt, die Bilder kommen einem fragmentiert vor. Wie gehen Sie das an?

Manchmal wünsche ich mir wohl, das Gemälde wäre wie ein Film, mit bewegten Bildern. Wenn man es fragmentiert, entsteht ein bisschen das Gefühl von Bewegung, so als betrachte man etwas aus verschiedenen Perspektiven. Außerdem sind Erinnerungen ja auch fragmentarisch, denke ich. Darum geht es bei der Ölmalerei, sich etwas auszudenken und ein Bild zu finden, um es festzuhalten und zu etwas Universellem zu machen, das jeder verstehen kann.

Fällt es Ihnen leichter, in der Sprache der Malerei zu kommunizieren als in einem Interview wie diesem?

Wenn ich mit Ihnen spreche, ist das richtige Gefühl manchmal da, ich habe aber einen Blackout und keine Ahnung, wie ich es in Worten ausdrücken soll. Bei der Malerei kommt es mir hingegen so vor, als sei sie meine Sprache. Alles ist vertraut. Hier sind meine Utensilien und ich kenne sie.

Sie reden also nicht so gern über Ihre Arbeit?

Nein.

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