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Marc Desgrandchamps
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Galerie EIGEN + ART Berlin
6. Januar - 12. Februar 2022

Interview mit Marc Desgrandchamps

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„Die blaue Stunde“, deine letzte Einzelausstellung 2019 in der Leipziger Galerie, handelte von der Art und Weise, Abschied zu nehmen, einen Ort zu verlassen, an dem man sich sehr wohlgefühlt hat. In den vergangenen zweieinhalb Jahren hat sich unsere Welt sehr verändert; wir haben eine Art Bedrohung verspürt, wir sind mit unseren Angehörigen und engen Freunden noch näher zusammengerückt, es war beinahe unmöglich zu reisen, und die Leute, die man kannte, waren noch schlechter erreichbar geworden. Wie hast du deinen Fokus verändert, und welche Umstände haben dich zu den neuen Werken inspiriert?

Seit dem Beginn der Pandemie leben wir in einer merkwürdigen Zeit.
Zunächst glaubten wir, sie würde nur ein paar Monate dauern, in Frankreich sprachen die Medien oft von der „Welt von morgen“, aber heute müssen wir feststellen, dass die Situation fortbesteht und es noch lange so weitergehen kann.
Dieser Ausnahmezustand, der sich langfristig bei uns einrichtet, ist zutiefst beunruhigend. Diese Periode hat mein Herangehen an die Werke nicht verändert, denn meine Bilder – selbst die, die am sorglosesten wirken – sind seit jeher von einem tiefsitzenden Gefühl der Beunruhigung motiviert. In den neuen Gemälden manifestiert sich diese Unruhe in dem Eindruck, dass etwas fehlt, dem Gefühl von Abwesenheit, fast von Trauer. Es ist, als hätte sich eine Katastrophe ereignet, und nun stehen die Überlebenden wie benommen da. Gleichzeitig gibt es eine Art von Rekonstruktion, von Wiederaufnahme, manchmal von Freude, die auch das Leben in seiner Kontinuität und Kraft trotz aller Schicksalsprüfungen widerspiegelt.

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Die Szenerie deiner Werke hat sich vom Strand weg verlagert. Gibt es einen neuen Raum, in dem sich deine Protagonisten jetzt befinden?

Ich habe oft Strände gemalt, weil sie ein Gebiet der Leere sind, ein Übergangsraum zwischen Land und Meer. Seit einigen Jahren sind sie auch der Ort, an dem Menschen stranden, die vor unerträglichen Lebensumständen zu fliehen versuchen. Das Gemeinsame an den Landschaften, die ich male, ist die Horizontlinie, die den Schauplatz als etwas Fernes begrenzt. Diese Horizontlinie kann die eines Gebirges sein, einer Ebene, eines Ozeans oder eines Gebäudes. Diese Räume werden oftmals von Figuren durchquert, von denen man nicht weiß, woher sie kommen und wohin sie gehen; sie könnten ein Echo der Ungewissheiten und Ängste sein, die uns manchmal überfluten.

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Die Protagonisten selbst sind nun blasser, sie entziehen sich dem Beobachter, fliehen oder zeigen sich in gebeugter Körperhaltung. Steht das für Schutz oder für Rückzug?

Es könnte ein Zeichen der Flucht sein; „Der Ort einer Flucht“ ist übrigens auch der Titel eines der Bilder. Das ist nicht unbedingt die Flucht vor einer Gefahr, es kann auch eine Flucht vor sich selbst sein. Manchmal behaupten sich die Protagonisten auf diesem Weg aber auch – als würden sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und beschließen, tätig zu werden.

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Neu ist, dass du die Bilder mit Titeln versiehst, um den Betrachtern einen Fingerzeig zu geben. Wie ist es dazu gekommen?

Diese Titel sind nicht wortwörtlich zu nehmen, das heißt, sie sind nicht die Beschreibung einer Situation, sondern eher der Widerschein einer Stimmung oder geistigen Verfassung. Marcel Duchamp hat gesagt, der Titel eines Bildes sei eine Farbe, die noch nicht aus der Tube gekommen ist. Neuerdings ist es eine Farbe, die ich gern hinzufügen möchte, und vielleicht ist das eine indirekte Auswirkung jener Periode, die wir seit zwei Jahren durchleben und in der man sich häufiger schreibt, als dass man sich sieht. Ein Titel wird aus Worten gemacht, und manchmal wirkt er wie ein Brief, der an den Betrachter gerichtet ist.

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In deinen Werken findet man immer Hinweise auf Werke, die es in der Kunstgeschichte bereits gibt. Nicolas Poussin ist ein französischer Barockmaler, der dich häufig fasziniert. Darüber hinaus sind es politische Ereignisse oder persönliche Details deiner Biografie, die dich beeinflussen. Es scheint, als gäbe es immer einen Moment der Begeisterung oder des Innehaltens, der dich dazu stimuliert, neue Werke zu schaffen. Wie reduzierst du und enthalten deine Bilder eine Botschaft?

Eine Botschaft gibt es nicht, auch wenn ich in der vorigen Antwort von einem Brief gesprochen habe, der durch den Titel an den Betrachter abgeschickt wird!
Es gibt keine Botschaft, aber die Bezeugung eines Zustandes zu einem bestimmten Moment. Dabei herrscht keine Eindeutigkeit, weil ja auch die Welt und die Gesamtheit der Situationen, deren Schauplatz sie ist, mir oftmals mehrdeutig vorkommen. Es ist ein zerbrechlicher, ungewisser, vergänglicher Stand der Dinge. Der Autor Paul Valéry hat am Ende des Ersten Weltkriegs gesagt: „Wir Kulturvölker wissen jetzt, dass wir sterblich sind.“ Heute wissen wir, dass die Menschheit insgesamt sterblich ist, und dieses Wissen muss uns dabei helfen, zu leben, zu handeln und nicht zu verzweifeln.

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