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Mirjam Völker
Aus heiterem Himmel
3. November - 17. Dezember 2022
Galerie EIGEN + ART Berlin

Mirjam Völker arbeitet malerisch, doch ihr Denken ist zutiefst räumlich geprägt. Auf ihren großformatigen Gemälden erschafft sie Szenerien, die fast fotografisch ausgeleuchtet und zwischen den Welten angesiedelt sind, in einer Realität, die ihren Bildern eigen ist. In dieser Realität wirken natürliche Elemente und von Menschen gebaute Behausungen mit- und gegeneinander, herrschen eigene Gesetze von Schwerkraft und Licht, von Perspektive und Räumlichkeit, von Wirklichkeit und Fantasie. Ihre Szenen wirken täuschend echt und zum Greifen – oder Betreten – nah, doch verbirgt dieser Realismus nie, was er ist: Malerei. In einem ständigen Zusammenspiel von Dualismen – Licht und Schatten, Fläche und Raum, Gebautem und Gewachsenem – liegt den Bildern immer die Erzeugung eines atmosphärischen Eindrucks zu Grunde, wobei provisorische Behausungen die Rolle eines Leitmotivs übernehmen und ihr Werk durchziehen. Diesen Hütten ist gemein, dass sie die Funktion, ein schützendes Obdach zu bieten, nicht mehr erfüllen. Ihr Versprechen von Sicherheit geht über in etwas Bedrohliches.

An der Seite dieser gebauten Konstruktionen, die zwar oft auf von der Künstlerin fotografierten Hütten basieren, aber nie ein Abbild der Realität darstellen, spielen immer auch pflanzliche, gewachsene Konstruktionen eine Rolle, und auch diese sind zwar der Natur nachempfunden, aber immer auch einer Funktion unterstellt: Die Komposition, den Moment der Ambivalenz zwischen Halten und Kippen zu tragen.

Die Redewendung „aus heiterem Himmel“ bezeichnet etwas, das abrupt, ohne Ankündigung passiert und wird meist in Bezug auf unangenehme Ereignisse verwendet. In der Arbeit mit demselben Titel ist der Himmel im Hintergrund bedrohlich verdunkelt. Ein an der provisorischen Holzhütte befestigtes Tuch weht im Wind, vielleicht hat ein plötzlicher Sturm die Ruhe gestört. Gleichzeitig wird die Behausung umkreist von zwei an Fischkörper erinnernden Wesen, denen etwas Urzeitliches anhaftet. Das Dach der Hütte bildet ein Banner mit einer urbanen Architektur unter strahlend blauem, heiterem Himmel, vor der ein Mensch oder eine Skulptur auf einem Sockel steht – doch auf dem Kopf, denn die Szene ist um 180 Grad gedreht. Aus der standhaften Pose wird ein Sprung ins Ungewisse. Was hier im Kleinen passiert vollzieht sich im Bild insgesamt: Die Größenverhältnisse, die Perspektive, der Lichteinfall – alles ist auf den Kopf gestellt und befindet sich an einem Kipppunkt zwischen Luft und Wasser, sonnenstrahlendem Tag und dunkler Nacht. Ein Wirbel entsteht aus der Bildmitte heraus und könnte die Hütte jeden Moment erfassen.

Menschen sind in Mirjam Völkers Bildern nur als Spuren präsent, als Abbilder, Schatten, oder anhand von gedruckten Worten oder Dingen des täglichen Lebens, die sie hinterlassen haben. Während es hier das Bild im Bild auf der Dachplane ist, sind es in Barrikade Wortfragmente oder Buchstaben, die auf eine Nähe zur Zivilisation schließen lassen. Zusammen mit den Bildtiteln geben sie eher Rätsel auf, als dass sie eine Geschichte erzählen, lassen ihren Ursprung genauso offen wie ihre geografische oder zeitliche Verortung. Immer spielt sich ein Zusammenwirken von Mensch und Natur ab, doch wer hier wen verdrängt – der Mensch mit seinen Behausungen die natürlichen Strukturen oder andersherum – wird nicht geklärt. Den Hintergrund von Barrikade beherrscht ein rötlicher Rauch, vielleicht von einem Feuer, doch auch dessen Ursprung, ob menschengemacht oder natürlich verursacht, bleibt buchstäblich im Nebel.

Die Verflechtung von Gebautem und Gewachsenem äußert sich auch in der Arbeit Rückschnitt. Während der Titel auf die Aktion, das Beschneiden von Bäumen, anspricht, so scheint es hier, als habe der zurückgestutzte Baum die Kontrolle wieder übernommen, indem er durch den auf dünnen Latten befestigten Verschlag hindurch wächst. Seine Äste durchbrechen Öffnungen und Wände, selbst dort, wo eigentlich keine sind, denn hier wird Mirjam Völkers Umgang mit Transparenzen und den Gesetzen der Räumlichkeit, die sie selbst schreibt, besonders deutlich. Das Kräftemessen zwischen Baum und Mensch wird in Wirklichkeit von ihr, der Künstlerin, bestimmt. Sie entscheidet, welcher Ast wachsen darf, welcher harte Schnittkanten trägt, welche Wuchsrichtung sie einschlagen und wie sie im Verhältnis zu Vorder- und Hintergrund stehen, ob sie plastisch fast aus dem Bildraum herauswachsen oder fast durchsichtig mit den gemalten Blechen und sonstigen Baumaterialien verschmelzen. So wie der Mensch sich seine Behausungen baut, um Schutz vor Witterung und anderen äußeren Einflüssen zu suchen, „baut“ Mirjam Völker ihre Bäume und Büsche, sie gibt ihnen eine Ordnung und (Aus-)Richtung und versieht sie mit einer Funktion, nur um sich dann immer wieder von ihrem Eigenleben überraschen zu lassen.

Text von Leonie Pfennig

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