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Nicola Samorì
MONO
17. September - 29. Oktober 2022
Galerie EIGEN + ART Leipzig

Die Skulpturenreihe Mono nutzt eine Sphinx von Pasquale Romano aus dem 13. Jahrhundert als Vorbild und Vorläufer. Diese mittelalterliche Sphinx veranlasste Nicola Samorì zur Neu-Interpretation, indem er deren Pose neu erfindet: Von der absoluten, hieratischen Frontalansicht der ägyptischer Sphinxe hin zu entschiedenen Wendungen und maximal gedrehten Köpfen, die das Blickfeld auf den eigenen Körper einengen.

Die vier Skulpturen sind dabei nicht Abbild einer einzigen Pose; jede Figur hat ihre eigene Bewegung und Variation, die durch die Drehung des Kopfes erzielt wird, der allmählich dem Druck einer Kraft erliegt, die ihn auflöst und in den Marmor des Sockels „schmelzen“ lässt. Sie übertragen und empfangen unterschiedliche kontrastierende Kräfte um sich herum: Eine erzeugt eine geschmeidige Aufwärtsbewegung zum Kopf hin – einem Kopf, der dem Betrachter gleichgültig gegenübersteht, den Blick nur auf sich selbst gerichtet. Eine andere Kraft treibt den Kopf dazu, sich über die Grenze des Möglichen hinaus zu beugen, bis der ganze Körper zu einem weichen Stoff wird, der sich zusammenfaltet und selbst umschließt. Der Prozess der Verformung und Auflösung, den die anderen Skulpturen vorwegnehmen, wird abgewehrt, als vollziehe sie als Ganzes eine elliptische, geschlossene, selbstreferenzielle Bewegung um sich herum – jeder Versuch, ihrem Blick zu begegnen, wird zunichte gemacht.

Nicola Samorì platziert seine Sphinxe in scheinbar klassischen Sockel-Skulpturen-Konfigurationen, dabei verwendet er den Sockel in artikulierterer Form: als bedeutungstragendes Element, das zwischen seiner konventionellen Existenz und der auf ihm ruhenden Skulptur unentschieden bleibt, sozusagen in die die Figur eingebettet ist, als eine Ruhefläche, die es den Körpern ermöglicht, sich so weit auszustrecken, dass sie über den durch die Sockel markierten Raum hinausragen. Röhrenförmige Elemente erinnern an die Behältnisse, in denen Archäologiemuseen Einzelfragmente isolieren, wodurch die Skulptur sich als hypothetischer Fund manifestiert. Ein anderer Sockel bildet den Boden, in den der gesamte Körper durch die Schwerkraft einsinkt: einen endgültigen Ort für das Verschwinden und Entfernen der Figur.

MONO nutzt den Dialog zwischen zwei Werken als Hebel: Sie setzt die gleichnamige Skulpturenreihe in Kontrast mit der großen Wandarbeit, von der die Sphinxe den Blick abwenden. Campo dei miracoli entstand aus der Kombination einer Reihe gleichformatiger Papierblätter auf der Leinwand, auf die in Öl Konturen und Formen von Gegenständen gedruckt wurden, die aus schemenhaften, dickflüssigen Tiefen zu kommen scheinen und anschließend modifiziert und vervollständigt wurden. Die Oberfläche nimmt kontinuierlich Elemente auf, reproduziert und vervielfacht sie – Elemente, die sich nur teilweise benennen lassen: Körper, Steine, Bruchstücke, Überreste.

Die Betrachtung des Gemäldes ruft andere Bilder in Erinnerung: Trionfo della Morte (Triumph des Todes) in Palermo und Pisanellos Fresko Torneo-battaglia di Louvezerp (Die Turnierschlacht von Louvezerp) im Herzogpalast von Mantua – Werke, auf denen Massen von menschlichen Körpern so dicht zusammengedrängt sind, dass sie für umliegende Gegenstände gehalten werden könnten. Dann sah ich mir genauer an, wovon das eigentliche Gemälde in Samorìs Atelier umgeben war. Beim Betrachten der Wand, an der es hing, sah ich entsprechende Stapel Bilder, Skulpturreste und Fragmente von Statuenabgüssen. Könnte dieses Gemälde auch ein Porträt darstellen, ein Spiegellbild Samorìs’ Ateliers?

Campo dei miracoli ist voller Details, voller Einzelheiten, die sich scheinbar unkontrolliert überall vermehren, für die ein Montageplan entweder fehlt oder irrelevant ist, denn alles ist so angeordnet, dass es aus der Nähe genauso wie aus der Ferne betrachtet werden kann. Das Bild ist unauflösbar, unbestimmt, instabil, unzählige Details wuchern nebeneinander – unaufhörlich, in ewig unvollendetem Zustand.

Aber ich mag mich auch irren. Können wir wirklich sicher sein, dass das Gemälde Campo die miracoli trotz seines Mangels an zentralen Punkten und räumlichem Aufbau und trotz des apokalyptischen Untertons überhaupt nichts mit Geschichte zu tun hat? Sind wir wirklich sicher, dass es nichts erzählt, kein Abbild unserer Zeit zeigt? Dass es nicht die Darstellung unserer eigenen Katastrophe ist, unserer katastrophalen Zeit, von der die Sphinxe den Blick abwenden wollen?

Auszug aus dem Text von Davide Ferri
Übersetzung von Frank Süßdorf

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