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Titus Schade
Umland
11. November - 18. Dezember 2021
Galerie EIGEN + ART Berlin

Film & Edit: TABLEAU Films (Matthias Maercks)
Music: „Last Light“ by Xylo-Ziko



Wirklicher als die Wirklichkeit
Die Protagonisten Titus Schades irritierender und erfrischend-befremdlich wirkender Gemälde sind kulissenhaft anmutende Architekturen, die versatzstückhaft in setzkastenartigen Regalen, auf Tischen, aber auch in menschenleeren, öden Landschaften und als Motive auf „Delfter Kacheln“ präsentiert werden.
Seine Gemälde rufen unwillkürlich Assoziationen an Giorgio de Chiricos Stadtansichten mit ihren stilisierten Architekturen und starken Schlagschatten hervor. Während de Chirico mit Vorliebe Türme, Arkaden und klassische Versatzstücke abbildet, arbeitet Schade mit vertrauten heimischen Bautypen und Fachwerkkonstruktionen. Zu seinen favorisierten Gebäudetypologien gehören Speicher- und Industriearchitekturen mit Kränen, auskragenden Geschossteilen und langen Fabrikschloten, aber auch stilisierte Mühlen oder Burganlagen mit überdehnten, lang gestreckten Turmspitzen auf überhöhten, steilen Felsen. Auch spärlich oder gar nicht durchfensterte Bürgerhausfassaden in Fachwerkbauweise, die in der Nachkriegszeit überformt oder mit Anbauten kontrastiert werden, gehören zu Schades wiederkehrendem Repertoire. Ergänzt werden diese Architekturtypen durch Plattenbaufassaden, Brandwände, Einfamilienhäuser und Doppelhaushälften, die gern auch freistehend ohne ihr Pendant oder als „Schizohäuser“ mit zwei verschiedenen Gesichtshälften dargestellt werden. Auch sie sind, wenn überhaupt, allenfalls minimal durchfenstert und in der Regel ohne Türen, bestenfalls mit Garagen dargestellt.
Am wenigsten beunruhigend wirken die kulissenhaften, steril und scharfkantig erscheinenden Bauwerke, die häufig in reiner Frontalität abgebildet sind und an Computergrafiken erinnern, wenn sie als Modellbauten in die setzkastenartigen Regale eingestellt werden. In diesem Kontext können sie Nachbarschaften mit anderen Gebäuden, Staffagebäumen oder Objekten wie Kerzen, Gemälden und Obstschalen eingehen und miteinander in Beziehung treten. Irritierend hingegen wirken die architektonischen Protagonisten, wenn sie im Vollmondschein in menschenleere, sterile Landschaften platziert werden. Die Bauwerke erscheinen häufig ohne echte Bodenhaftung freischwebend im Raum. Ausstaffiert werden sie mit den immer wiederkehrenden Motiven: brennenden Lagerfeuern, messerscharf halbierten Büschen und Holzstößen oder dem Hackklotz mit Beil, der den Anschein erweckt, als habe ein Mensch gerade seine Arbeit unterbrochen und werde jeden Moment wieder auf der Bildfläche erscheinen, um seine Tätigkeit fortzusetzen. Kontrastiert werden Schades Modellarchitekturen, die mit Ausnahme einiger kerzenförmig dargestellter, qualmender Schornsteine keinerlei Hinweis auf Leben oder organisches Material geben, mit hyperrealistischen, oftmals bedrohlich erscheinenden Wolkenformationen oder Baumkronen, die so real wirken, dass man meint, ihre Blätter im Wind rascheln hören zu können.
So unwirklich, kulissenhaft und leblos die gemalten Architekturen und ihre Setzungen sein mögen, erhalten sie eine zusätzliche Intensität dadurch, dass sie stärker in unserer gegenwärtigen Baukultur verankert sind, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Zwar bildet Schade keine realen Gebäude ab – wohl aber lassen sich in den Industriegebieten und Randzonen unserer Städte unzählige Verwandte in ganz ähnlicher Ausprägung auffinden. Seine Einfamilien- und Doppelhäuser, die sich im Wandschmuck oder in der Gestaltung des Vogelhäuschens selbst reflektieren, sind nicht weit entfernt von der Realität vieler Eigenheimsiedlungen der Gegenwart. Deren Neubauten entspringen häufig Modulbausätzen, in denen Bauherren die Möglichkeit erhalten, nach dem Baukastenprinzip ein und denselben Typus wahlweise toskanisch, mediterran, im Art-Deco-Gewand oder klassisch modern zu gestalten. Für die Aufwertung der Bestandsbauten bieten die Baumärkte ein unerschöpfliches Repertoire an wiederkehrenden, allgegenwärtigen Dekorationselementen. Mit ihren vollversiegelten oder geschotterten, an Mondlandschaften erinnernde Vorgartenwüsten, in denen beschnittene und in Form gestutzte Buchsbäume häufig die einzigen überlebenden Pflanzen sind, strahlen viele Eigenheimsiedlungen kaum mehr Leben aus als die architektonischen Szenarien in Titus Schades Gemälden, die daher bisweilen wirklicher erscheinen als die Wirklichkeit.

Text: Turit Fröbe

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